Wäre die Digitalisierung ein Mensch, hätte der schon längt Burn Out

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Es ist schon ein Drama. Wenn es um das Thema „Digitalisierung“ geht, dann fangen die Sätze häufig an mit

  • Aufgrund der Digitalisierung …
  • Weil die Digitalisierung…
  • Durch die Digitalisierung
  • Die Digitale Transformation setzt voraus…
  • Wenn die Digitalisierung nicht …. dann

Egal was diskutiert wird, die Digitalisierung hat Schuld. Mal rationalisiert sie Arbeitsplätze weg und manchmal schafft sie auch welche. Wenn Menschen nicht mehr leistungsfähig sind, haben sie den Digitalisierungsprozess nicht verstanden. Sind Kunden verärgert, weil sie im Kundenservice niemanden mehr erreichen, sondern langsame und fehlerhafte Online-Formulare ausfüllen müssen, liegt es an den Kunden. Sind Mitarbeiter mit den Führungskräften nicht mehr zufrieden, liegt es daran, dass die Cheffinnen und Chefs nicht in der Lage sind, die modernen digitalen Medien zu nutzen. Dass junge Menschen einen anderen Bezug zur Arbeit haben und auch gerne das Leben und die Freizeit genießen möchten, liegt ebenfalls an der Digitalisierung. Die Welt wird aufgrund der Digitalisierung immer komplexer und schnelllebiger und sorgt bei vielen Menschen für Zukunfts- und Veränderungsängste. Die Politiker nutzen die Digitalisierung für elendig lange Diskussionen ohne praktische Umsetzung und dass unserer Kinder bei den PISA-Studien auf Platz 13 von 57 liegen, liegt an der fehlenden Digitalisierung der Schulen. Oder auch nicht. Ach ja: Und natürlich brauchen wir aufgrund der Digitalisierung neue Führungsstrukturen und neue Projektmethoden. Bei so vielen negativen Eigenschaften, würde man als Mensch verzweifeln.

Sortieren wir das doch einmal.

Das Thema „Digitalisierung“ ist uralt. Forschungen zeigen, dass das Grundprinzip schon bei Webstühlen angewendet wurde, nämlich „Faden hoch oder tief“. Dieses Prinzip wurde später auf Lochkarten übernommen. Daher sind sich die Wissenschaftler einig, dass der Webstuhl als die erste digitale Maschine bezeichnet werden kann. Und natürlich hatte der Webstuhl einen gigantischen Einfluss auf die Produktion von Stoffen und Teppichen. Da hat keiner eine Welle gemacht, dass nun die Digitalisierung kommt

Dass die Mensch-zu-Mensch-Kommunikation durch Technik beschleunigt wird bzw. über große Strecken möglich wurde, ist seit der Einführung der Telegraphie wohl allen klar. Los ging es schon 1774 und mit der Erfindung der Morsezeichen im Jahr 1837 kam der Durchbruch. Im gleichen Jahr begann man mit der breiten Verlegung von Stromleitungen, das erste Seekabel wurden schon 1850 verlegt. Leider hielt das nur wenige Wochen. 1866 kam der Durchbruch und schon 4 Jahre später war ein großer Teil der Erde verkabelt. In dieser Zeit schafft man heute nicht einmal die Planungs- bzw. Genehmigungsphase für einen Feldweg. Ob es damals schon in den Zeitungen stand, dass sich durch den Einsatz moderner Kommunikationstechnik die Gesellschaft verändern wird, ist mir nicht bekannt.

Es wird als Errungenschaft der Digitalisierung gesehen, dass sich Texte schneller verbreiten lassen. Das Prinzip der Massenverbreitung von Informationen basiert zunächst darauf, dass die Informationen auf Medien dokumentiert werden, und diese Methode geht zurück auf die Erfindung von Henne Gensfleisch zum Gutenberg, besser bekannt unter Johann Gutenberg, dem Erfinder der Buchdruckmaschine. Als um 1450 in Mainz begonnen wurde, Bücher zu drucken, konnten Informationen, Erfahrungen und Ideen in viel größerem Umfang und viel schneller niedergeschrieben und verbreitet werden. Pro Druckvorgang konnten nun 200 bis 300 Exemplare eines Buches hergestellt werden, was damals die Kosten für ein Buch auf etwa ein Fünftel senkte. Ich kenne keine Überlieferung, in der auf die dramatischen Auswirkungen auf den Berufsstand der Mönche hingewiesen wird, die zuvor die Bücher manuell hergestellt haben. Schließlich hatten die nun deutlich weniger zu tun.

Kommen wir nun zu den Führungsmethoden, die angeblich aufgrund der Digitalisierung dringend benötigt werden. An Nummer Eins steht in diesem Zusammenhang übrigens nicht der Begriff „Agilität“ sondern, überraschungsweise der Begriff „New Work“. 12,7 Milliarden! Eintragungen findet man bei Google®. Erst kürzlich las ich, dass man sich mit dieser Arbeitsmethode intensiv auseinandersetzen sollte, weil dies in direktem Zusammenhang mit der Digitalisierung zu sehen ist. Im „Lexikon der Günderszene“ findet man unter der Definition u.a. den Hinweis: „Die Bezeichnung Neue Arbeit ergibt sich aus der heutigen Konsequenz der Globalisierung und Digitalisierung“. Hey Leute, der Begriff wurde von Frithjof H. Bergmann, einem österreichisch-US-amerikanischen Philosophen geprägt, der sich in den 70er-Jahren intensiv mit dem Kommunismus und Kapitalismus beschäftigt hat. Seine Forschungen haben zu der Erkenntnis geführt, dass der Begriff „Freiheit“ im Kontext Arbeit neu definiert werden muss und dass es u.a. unerlässlich ist, dass Menschen Freude an der Arbeit haben und dass die Arbeit sinnstiftend sein muss. Mitte der 80er hat diese Philosophie immer mehr Anhänger gefunden. Eine mögliche Verbindung mit der Digitalisierung kann Bergmann noch nicht im Blick gehabt haben, weil erst 1983 mit dem flächendeckenden Einsatz des TCP/IP-Protokoll die Grundlagen für das Internet geschaffen wurden. Computer waren etwas für Wissenschaftler und Nerds.

Ähnlich kurios ist es mit der „Agilität“. Größere Aufmerksamkeit gab es ab 1995, als von Ken Swaber und Jeff Sutherland die Projektmanagement-Methode SCRUM publiziert wurde. Mit der Idee, dass die Entwicklungsteams selbständig und in Eigenverantwortung agieren, kann man eine Brücke zur Agilität schlagen. Als im Jahr 2001 auf einem Meeting mit 17 Software-Entwickler das „Agile Manifesto“ aufgeschrieben wurde, in dem es um 8 wichtige Grundregeln und 4 Werte-Prinzipien geht, hatte vermutlich keiner auf dem Radar, dass dies einmal etwas mit der Digitalisierungsdiskussion im Grundsatz zu tun haben wird. Man wollte doch einfach nur die Softwareentwicklung verbessern.

Last but not least die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Auch hier ist die Digitalisierung mal der „good guy“ mal der „bad guy“. Nachdem die ersten Publikationen über den Jobkiller auftauchten, kam es schnell zu anderen Studien, die gleichermaßen auch neue Jobs sehen. Experten gehen mittlerweile davon aus, dass sich viele Berufsbilder verändern werden, die Anzahl der Jobs aber im Wesentlichen konstant bleiben wird.

Fazit: Kümmert euch darum, aus vernünftigen analogen Prozessen noch besser digitale Prozesse zu machen. Setzt agile Methoden und Strukturen ein, damit die Arbeit sinnstiftend ist und möglichst vielen Menschen Freude macht, sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als auch Kunden. Aber vergeudet bitte keine Zeit mit der Diskussion über Herleitungen und Verknüpfungen, die mit der Digitalisierung ziemlich wenig zu tun haben.

Die Auswertungen von Google-Trends ® machen den zeitlichen Zusammenhang etwas deutlicher.

Verwendete Quellen:

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