Was die Unternehmen bei der Digitalen Transformation vom „Event Horizon Project“ lernen können

Wolfram M. Walter, Gera im April 2019

© ESO

Am 10.04.2019 fanden in Brüssel, Santiago de Chile, Schanghai, Tokio, Taipeh und Washington D.C. gleichzeitig Pressekonferenzen statt. Wissenschaftler stellten der staunenden Presse eine Sensation vor: Bilder von einem schwarzen Loch.

Schauen wir uns zunächst die Dimensionen an: M87 ist ein supermassereiches Schwarzes Loch von 6.500.000.000 Sonnenmassen, hat einem Durchmesser von 39.000.000.000 Kilometern und ist 55.000.000 Lichtjahren entfernt. Bedenkt man, dass ein Lichtjahr einer Entfernung von 9,4605 Billionen km entspricht, kommt eine Entfernung von 520 x 1018 km zusammen. Auf der anderen Seite könnten wir uns ein Star-Treck-Raumschiff mit Warp-9-Antrieb ausleihen. Damit kann man 1,636 Billionen km/h schnell fliegen. Das bedeutet, wir wären dann nur noch 317.848.410,758 Stunden unterwegs, was lächerliche 36.284 Jahre bedeutet. Für den Flug zum Mond bräuchten wir übrigens mit Warp-9 nur noch 0,846 ms, falls ich mich nicht an irgendeiner Stelle verrechnet habe.

An der Entstehung der Bilder waren im April 2017 acht Teleskope beteiligt, die weltweit verteilt waren: in Arizona, Chile , Mexiko, in der Antarktis am Südpol und in Spanien. Die gesammelten Daten wurden dann per Schiff oder Flugzeug transportiert, um schließlich an zwei Hochleistungsrechnern in Deutschland und den USA zusammengefügt zu werden. Entscheidend war die Verfügbarkeit von äußerst genauen Uhren an den verschiedenen Standorten, um die gesammelten Daten mit deren Zeitstempeln am Ende auch genau synchronisieren zu können. Jede dieser Uhren würde in einem Zeitraum von einer Million Jahren nur um eine Sekunde vor oder nach gehen. Das ist etwas genauer als das, was wir sonst am Handgelenk tragen. An einigen Standorten wurden Speicher eingesetzt, die mit 16 Gigabit pro Sekunde beschrieben werden können. Allein am Radioteleskopverbund ALMA der Europäischen Südsternwarte waren Festplatten mit mehr als 1 Petabyte an Kapazität installiert worden. Das ist eine Zahl mit 15 Nullen.

Was hat das alles mit den Unternehmen zu tun, die sich mit der Digitalen Transformation beschäftigen? Zunächst nichts.

Dass die meisten Digitalisierungsprojekte scheitern liegt häufig daran, dass:

  • bei den Verantwortlichen die Technik im Vordergrund steht und nicht der Mensch,
  • man die Möglichkeit des Scheiterns nicht einkalkuliert,
  • alles 100 % fertig sein muss und nicht mit Prototypen gearbeitet wird,
  • viele Entscheidungsträger Angst vor dem Unbekannten haben,
  • Nerds eingestellt werden, die sich lieber mit der Technik beschäftigen als mit dem Umfeld,
  • versucht wird, die Konkurrenz zu kopieren,
  • schlicht und einfach die Kunden vergessen werden.

Doch das ist ja nur die Spitze des Problembergs. Hinzu kommen noch:

  • Führungskräfte, die nicht miteinander reden,
  • Abteilungen, die sich abschotten,
  • Verantwortungsbereiche, die sich überschneiden oder aber Lücken haben,
  • Zuständigkeiten, die unklar sind,
  • Ziele, die nicht aufeinander abgestimmt sind,
  • Maßnahmen, die singulär abgearbeitet werden,
  • Probleme, die jeder einzelne für sich lösen will,
  • Fehler, die man auf keinen Fall kommuniziert.

Und jetzt schaut man sich das „Event Horizon Project“ an.

Da wird ein Team zusammengestellt, um eine Aufgabe zu lösen, die bis dato noch niemand gelöst hat bzw. bei der weitestgehend unklar war, was am Ende dabei herauskommt.

Natürlich hatte man die Hoffnung, etwas Spektakuläres entdecken. Insgesamt waren 59 Institutionen beteiligt. Jede Institution ist i.d.R. darauf bedacht, erfolgreiche Forschung zu betreiben, schneller und innovativer zu sein als alle anderen und somit als erster auf den Markt zu kommen.

Nicht so hier. 200 Wissenschaftler setzten sich ein gemeinsames Ziel und wollten dieses auch gemeinschaftlich erreichen. Das allein ist schon schwer, doch die 200 Experten kamen aus 20 verschiedenen Nationen. Jedes Land mit seinen Besonderheiten, seinen Kulturen und seinen politischen Rahmenbedingungen. Und damit alles erfolgreich funktionierte, musste man sich nicht nur auf eine Sprache verständigen, sondern es mussten die einzelnen Schritte und Maßnahmen bis ins kleinste Detail abgestimmt sein. Einmal definierte Spielregeln mussten ohne egoistische Interessen während der gesamten Laufzeit von allen Beteiligten eingehalten werden. Keiner durfte ausbrechen und sein eigenes Ding machen.

Und genau das können Unternehmen, die sich mit der Digitalen Transformation beschäftigen, von diesem Projekt lernen:

  • eine unternehmensweite Vision entwickeln
  • gemeinsame Ziele definieren
  • ein Umfeld schaffen, in dem jeder seine Interessen und Stärken einbringen kann
  • Abteilungsstrukturen aufbrechen und Teams dynamisch zusammenstellen
  • eine Kultur entwickeln, in der Prototypen schon ein toller Erfolg sind
  • damit rechnen, dass auch mal Dinge nicht funktionieren
  • die eigenen Interessen dem Gesamtergebnis ein Stück unterordnen
  • Regeln einhalten und nicht immer wieder hinterfragen
  • Menschen Freiräume für Experimente geben
  • die Kunden frühzeitig aktiv einbinden

Das „Event Horizon Project“ zeigt, wie es gehen kann. Gerne können wir uns darüber unterhalten, wie man so etwas in Ihrem Unternehmen umsetzt.

http://www.pmd-akademie.de


Für diesen Artikel wurden folgende Links benutzt:

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Event-Horizon-Telescope-Was-der-erste-direkte-Nachweis-eines-Schwarzen-Lochs-bedeutet-4374768.html

http://www.avgoe.de/StarChild/DOCS/STARCH00/questions/question19.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Event_Horizon_Telescope

https://www.heise.de/newsticker/meldung/Erstes-Bild-eines-Schwarzen-Lochs-zeigt-Zentrum-der-Galaxie-M87-4370277.html

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