Falsche Argumente, richtig vorgetragen, führen trotzdem zu falschen Ergebnissen

Wolfram M. Walter, Gera im Januar 2019

Warum die Einführung von agilen Methoden und Strukturen häufig scheitert

Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit dem Thema Agilität und stellen nach den ersten Gehversuchen fest, dass das irgendwie alles nicht funktioniert. Frustriert werden die Veränderungsprojekte eingestellt. Stellt sich die Frage: Warum?

AGIL ist ein Begriff, den in den 1950er Jahren der amerikanische Soziologe Talcott Parsons entwickelt hat, 2001 kam das „Manifesto for Agil Software Development“ dazu. Also alles weit vor der Diskussion um Digitalisierung und Veränderungen. Dass Realisierungsprojekte scheitern, liegt m. E. an der falschen Motivation für die Einführung agiler Führungsinstrumente und Strukturen!

Falsche Zahlen, richtig addiert, ergeben trotzdem ein falsches Ergebnis. Falsche Argumente, richtig verknüpft, ergeben trotzdem eine falsche Argumentation. Und das sind die drei wesentlichen falschen Argumente:

  1. Wir leben seit kurzem in einer Welt von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Doppeldeutigkeiten, kurz VUKA, die zwingend Agile Führung erfordert.
  2. Die Digitalisierung benötigt agile Strukturen.
  3. Alles um uns herum wird immer schneller und dynamischer, einschl. der Produkt- und Marktveränderungen und ist ohne agile Führung nicht beherrschbar.

Zu Punkt 1: Dass es viele Veränderungen auf der Welt gibt, ist unbestritten. Rein wirtschaftlich leben wir aber in einer recht stabilen Welt. Natürlich beinhaltet das Leben viele Unsicherheiten, aber selbst die Gefahr eines Arbeitsplatzverlustes ist heute geringer als von 5 Jahren. Dafür brauchen wir keine Agilität.

Es wird immer wieder behauptet, dass die Komplexität in unserer Welt zunimmt. Schaut man sich die Definitionen des Begriffs „Komplexität“ an, dann kann man folgendes Fazit ziehen: „Je geringer der Informationsgrad und je länger der Blick in die Zukunft desto größer ist die Anzahl der potentiellen Überraschungen“. Als Columbus seine Reise plante, war das für ihn im Rahmen seiner Möglichkeiten genauso komplex wie heute ein Flug zum Mars. Dass wir es mit immer mehr Datenmüll zu tun haben und es schwierig ist, die richtigen Informationen daraus zu ziehen, ist unbestritten. Und natürlich haben wir heute die Möglichkeit, dass wir uns schnell vernetzen und verschiedene Meinungen einholen. Aber steigt deshalb die Komplexität und brauchen wir dafür Agilität?

Zu Punkt 2: Schaut man sich die Entwicklung der Agilitätsdiskussion auf Google Trends® an, dann ist ein spürbarer Anstieg ab 2014 zu erkennen. Die gleiche Kurve ist zu erkennen, wenn man den Begriff „Digitalisierung“ eingibt. Dies könnte einer der Gründe sein, warum Agilität mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem sich schnell verändernden Markt gesehen wird. Sucht man nach Beweisen für diese Argumentation, müssen nahezu immer das iPhone oder aufsteigende Unternehmen wie Amazon bzw. niedergegangene Unternehmen wie Kodak dafür herhalten. Dabei haben Experten den Kodak-Untergang untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass nicht die globale Digitalisierung, sondern zwei wesentliche Managementfehler die Ursachen waren: Erstens war man durch Produkt-Blindheit in die eigene Unternehmenskultur verliebt und zweitens hat man vor lauter Überheblichkeit vergessen, den Markt und seine Veränderungen zu beobachten. Dumm gelaufen. Agilität hilft leider nicht gegen arrogante und marktblinde Unternehmenslenker.

Zu Punkt 3:
Ein weiteres häufig angeführtes Argument ist, dass Produktentwicklungszyklen immer kürzer werden und exponentiell stattfinden. Schaut man sich aber die Anzahl der weltweit vergebenen Patente an, dann gibt es zwischen 2011 und 2018 ein ziemlich konstantes jährliches Wachstum von 4 %. Sicherlich nicht schlecht, aber auf keinen Fall exponentiell.
Deutschland hat sich im weltweiten Innovationsranking weiter nach vorne geschoben und ist nun unter den TopTen. Auch wenn die Anzahl der Innovationen leicht gestiegen ist, ist die Anzahl der gelisteten Unternehmen zurückgegangen. In der Automobilbranche, eine der innovativsten Branchen, ist die Anzahl der weltweiten Innovationen von 2011 bis 2015 kontinuierlich um 20 % gestiegen, aber dann 2016 sogar um 25 % zurückgegangen. Also auch nicht wirklich exponentiell gewachsen. (gem. www.statista.com, 2019)

Richtig ist, dass neue Produkte immer schneller von den Menschen angenommen und eingesetzt werden. Hat das Telefon über 70 Jahre und das Auto noch 62 Jahre benötigt, um von 50 Millionen Menschen genutzt zu werden, (das ist eine allgemeingültige Größe für Innovationen, ab wann ein Produkt es tatsächlich geschafft hat) brauchte Twitter® nur noch 9 Monate und PokomonGo® sogar nur 19 Tage. Der Grund dafür liegt in der exponentiell anwachsenden Anzahl von Verbindungen = Kommunikationsmöglichkeiten, die durch das Internet möglich wurden. Auch das hier wirklich exponentielle Wachstum ist kein Grund, weshalb wir uns mit Agilität beschäftigen müssen.

Warum also brauchen wir agile Methoden und Strukturen? Wir brauchen diese, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zunehmend Arbeit und Privatleben in Einklang bringen wollen. Hinzu kommt die Generation-Z mit anderen Anforderungen bzw. Ansprüchen. Sie fordert Diskussionen auf Augenhöhe mit den Führungskräften bzw. dem Management, sie möchte teilnehmen an der Gestaltung des Unternehmens, sie wünscht sich Freiräume, wenn es um die Entwicklung von neuen Ideen geht und sie möchte stärker Einfluss darauf nehmen, wann sie sich mit welchem Thema beschäftigt (soweit das möglich ist). Das sind die wesentlichen Motivationen für agile Methoden und Strukturen. Wer den Kampf um Talente (oder besser Potentiale) gewinnen will, sollte sich mit Agilität beschäftigen. Wer es schafft, seinem Kunden bzw. Interessenten die wirklichen Gründe zu vermitteln, sollte mit dem Realisierungsprojekt erfolgreich sein.

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