Eigentlich gute Vorsätze für 2019

Wolfram M. Walter, Gera im Januar 2019

Ja, auch ich gehöre zu den 50 % der Deutschen, die mit guten Vorsätzen in das neue Jahr starten werden. Mit dem Rauchen aufzuhören wäre zu einfach, da ich eh nicht rauche. 1-2 Kilo Körpergewicht abnehmen wäre gut, ist aber auch nicht die zentrale Herausforderung. Mehr Sport zu machen ist o.k., aber da bin ich schon ganz gut unterwegs. Ich habe mir etwas anderes vorgenommen: Ich nehme mir das „Eigentlich-freie-Jahr“ vor. Sie kennen das. Eigentlich geht es mir gut, eigentlich bin ich zufrieden, eigentlich macht mir die Arbeit Freude, eigentlich ist mein Kollege ganz in Ordnung, eigentlich ist der Herr Idefix ein guter Mitarbeiter, eigentlich könnte ich die Entscheidung fällen, auf die die Mitarbeiterin schon so lange wartet, eigentlich arbeiten wir schon agil.

Das Wort „eigentlich“ wird schon im 13. Jahrhundert nachweislich erwähnt. Es kommt aus dem mittelhochdeutschen „eigen“ und der angehängten Nachsilbe „lich“ (Gestalt habend). In der Kommunikation drückt man damit indirekt ein „ja, aber“ aus. In der Psychotherapie geht man davon aus, dass „eigentlich“ mehr oder weniger unbewusst verwendet wird, um die eigenen Aussagen zu relativieren und unscharf zu machen. Man hält sich zurück und möchte nicht das mitteilen, was einen wirklich bewegt. Laut Wikipedia bedeutet „eigentlich“ in der Mathematik eine stetige Abbildung, die in einem Teilgebiet der Mathematik untersucht wird, nämlich in der mengentheoretischen Topologie. Wer auch immer das verstehen mag.

2019 könnte das Jahr ohne „eigentlich“ werden. Wir könnten bei dem nächsten Mitarbeitergespräch durch eine innere Klarheit überzeugen und das Gespräch verbindlich abschließen. Wenn es um Entscheidungen geht, könnten wir Position beziehen und die Maßnahmen zeitnah einleiten, besonders wenn Mitarbeiter darauf warten. Wir könnten Arbeitsergebnisse und Leistungen der Mitarbeiter authentisch bewerten und nicht durch unscharfe Formulierungen verwässern. Wenn es uns nicht gut geht, sollten wir die Welt nicht schöner oder hässlicher reden, als wie wir sie empfinden. Unsere Partnerin / unser Partner hat einen Anspruch darauf zu erfahren, wie wir die Partnerschaft erleben, und zwar ohne Graustufen. Bevor wir andere für einen Fehler verantwortlich machen, könnten wir ohne Geschnörkel eindeutig formulieren, was unser eigener Beitrag zu dem Misserfolg ist. Wir könnten den Mitarbeiter/-innen das Vertrauen entgegenbringen, was sie verdient haben, ohne eigentliche Einschränkungen.

Menschen brauchen Leitplanken (Rahmenwerke) zur Orientierung, vor allem aber brauchen sie Stabilität. Stabilität im Handeln und Wirken, auch oder gerade in agilen Strukturen. Wer handelt, braucht kein „eigentlich“. Wer mit seinen Kollegen/-innen und seinen Mitarbeiter/-innen vernetzt ist, kann auf „eigentlich“ verzichten. Wer bereit ist, von den anderen zu lernen, muss „eigentlich“ nicht verwenden. Wer den Menschen Freiräume gibt, damit diese sich entfalten und Ideen entwickeln können, kann „eigentlich“ aus seinem Wortschatz streichen.

Sprechen Sie mit den Menschen, die Ihnen begegnen und bitten Sie diese, Ihnen ein Signal zu geben, wenn Sie das Wort „eigentlich“ benutzen. Wenn Sie es selber merken, halten Sie kurz inne und formulieren Sie es neu. Wenn jemand in Ihrem Umfeld das Wort „eigentlich“ benutzt, fragen Sie höflich aber bestimmt nach, was gemeint ist. Hängen Sie sich ein Schild ins Büro „eigentlich-freie Zone“. Nach einiger Zeit werden Sie merken, dass die Menschen Ihnen gegenüber positiver eingestimmt sind. Und Sie werden sich fragen, warum Sie „eigentlich“ eigentlich so oft benutzt haben.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Vorsätzen 2019!

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