Weihnachten 2030

Wolfram M. Walter zum Thema Weihnachten, Gera im Januar 2019

Wir haben das Jahr 2030 und die Familie Müller-Rochusworms (ich hoffe, keiner von Ihnen heißt so) bereitet sich auf die Weihnachtsbescherung vor.

Vater Paul (56 Jahre) surft durch seine 16 Sportkanäle, Mutter Elfriede (von allen liebevoll Elfi genannt), 52, steht in der Küche und bereitet das Essen vor. Sohn Vincent, 24, hat das letzte seiner 43 Geschenke bestellt, und startet gerade einen Shitstorm in den Sozialen Medien über den Konsumterror zu Weihnachten. Töchterchen Verena, 22, kriegt gerade einen Schreikrampf, weil irgendeine blöde Kuh den Pulli ersteigert hatte, den sie haben wollte.

„Alexa, die Soße schmeckt nicht“. „Du hast die Prise Salz vergessen“. „Alexa, eine Prise Salz in die Suppe.“ „Ich habe dich nicht verstanden“. „Eine Prise Salz in die Suppe“. „Ich habe dich nicht verstanden, kannst du das wiederholen“. Da wird Elfi klar, wie unsinnig die Anweisung ist. „Mist“. „Ich habe verstanden. Ich bestelle eine Pritsche Mist. Der Betrag von 126,45 Euro wird von deinem Konto abgebucht. Liefertermin ist der 28. Dezember.“ „Alexa!“ “Ja bitte?“. „Vergiss es!“.

Elfi schickt eine WhatsApp an alle, dass das Essen fertig ist. Paul twittert: „Was gibt es denn?“ Elfi twittert: „Sauerbraten, Klöße, Rotkohl“. Vincent twittert: „Na Bombe, wie in den letzten 10 Jahren“. Paul antwortet: „Bull-Shit“. Verena twittert: „Granatenstimmung bei euch“. Elf an alle: „Ich bin mit meinen Nerven echt am Anschlag. Versammelt auch endlich in der Küche“.

10 Minuten später, Paul fordert einen Nachschlag, gibt es einen Signalton von seiner Personal-Body-Watch. „Mist, ich muss raus und zweimal um den Häuserblock gehen.“ Elfi verzweifelt: „Nun iss doch erst auf, das wird doch kalt“. „Geht nicht“, erwidert Paul. „Wenn ich meine erforderlichen Punkte laut Personal-Body-Watch nicht erreiche, sperrt die mir die Sportkanäle für 14 Tage“. In dem Moment, wo Paul seine Schuhe zubindet, gibt es einen mächtigen Krach an der Haustür. Die Tür fliegt durch den Flur, dunkle, maskierte und hochbewaffnete Menschen stürmen die Wohnung. Die Müller-Rochusworms werden auf den Boden geworfen und verstehen die Welt nicht mehr. 10 Minuten später, die sich wie Stunden anfühlen, schneidet man ihnen die Kabelbinder von den Händen. „Alexa hat uns gerufen“, erläutert der Einsatzleiter. „Alexa hat die Begriffe Bombe, Bullen, Shit, Granate, Anschlag und Versammlung verstanden und war der Meinung, es handelt sich um die Vorbereitung eines Terror-Angriffes. Nichts für ungut. Wir schicken Ihnen jemand für die Tür, kann aber zwei Tage dauern. Schließlich ist ja Weihnachten. Vielleicht hängen Sie solange einen Vorhang vor? Frohes Fest.“

Paul und Elfi möchten unverzüglich mit der Bescherung starten. „Seid ihr irre“ schreit Vincent. „Erst müssen wir diese Geschichte auf Fazzebuck bringen. So eine Chance haben wir nie wieder“. Pünktlich mit einer Stunde Verspätung meint Vater Paul: „Alexa, mach den Weihnachtsbaum an“. In dem Moment, wo die Lichter angehen, spielt das Smart Home-System verrückt. Mit der Vielzahl der bunten, blinkenden Lampen kommen die Sensoren nicht klar. Die Sauna springt plötzlich an, die Heizung in der Küche wird wärmer, während sie im Wohnzimmer so weit runtergefahren wird, dass sich Eiszapfen am Fenster bilden. Die Fensterrollos gehen mehrfach runter und wieder rauf und die Lampen im Garten flackern wie eine Lichtorgel. Eine Viertelstunde versuchen Paul und Vincent, das System zu stabilisieren. Dann zieht Elfi genervt den Stecker. Man verständigt sich darauf, Weihnachtsbaum und Lichtschalter per Hand zu bedienen.

Die Familie sitzt um den Weihnachtsbaum und packt die Geschenke aus. „Alexa, spiele Weihnachtslieder“. Während Alexa alle Strophen von „Stille Nacht, heilige Nacht“ spielt, geht der Stress weiter. „Ich wollte den grünen Pullover mit den Bäumen und nicht mit den Pferden“, heult Verena. „Als ich den mit den Pferden angeklickt habe, hat mir Zamondo diesen mit den Bäumen in den Warenkorb gelegt mit dem Hinweis, dass dieser besser zu deinem Konsumverhalten passt“ meint Elfi mit einem Achselzucken. Paul ist zufrieden, weil er nicht nur SOS bekommen hat (Schlips, Oberhemd, Socken) sondern auch das Jahresabbo auf die Sportkanäle 17-21. Vincent hat die neue Cyber-Brille HTC VIVE Pro aufgesetzt und kämpft sich durch den Amazonas-Dschungel. Bei der virtuellen Nutzung der Machete hat er die Vase von Tante Elisabeth vom Sockel geholt. Macht aber nichts, die konnte eh keiner leiden. Elfi hat die vierte Schürze bekommen und 3 Gutscheine für Beauty-Produkte.

Abends im Bett liegen Paul und Elfi nebeneinander. „Paul“, meint Elfi, „weißt du noch, damals?“. „Du meinst, bevor die Kinder da waren?“. „Genau. Meinst du, wir sollten mal wieder?“. „Das war eine verrückte Zeit. Im Auto, auf der Parkbank, und, und, und …“ „Da waren wir noch voll im Saft“. „Und die Kinder? Meinst du nicht, das ist zu laut?“. „Na und, wenn schon. Die sind doch erwachsen. Was ist? Sollen wir uns mal wieder – u-n-t-e-r-h-a-l-t-e-n? So ein richtiger Dialog? Miteinander austauschen, Meinungen sagen, Ideen austauschen. Paul? Paul! Pauauaul!“ Da merkt Elfi, dass Paul schon längst eingeschlafen ist.

Während Elfi ebenfalls dabei ist, einzuschlafen, denkt sie an die Zeit, in der man sich noch in die Augen gesehen und sich richtig unterhalten hat. Ohne digitale Medien, so ganz direkt. Nicht alles war früher schlecht.

Ich wünsche allen ein schönes Fest, wenn es wieder soweit ist!

Wolfram M. Walter

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s