Digitalpakt Schule

Wolfram M. Walter, PMD Akademie, Gera im November 2018

© Robert Kneschke Fotolia.com

Viele Jahre wurde darüber diskutiert, nun wird man wohl im kommenden Jahr mit dem „Digitalpakt Schule“ beginnen. Die einen sagen „Gott sei Dank, endlich“, die anderen sagen „um Gottes Willen, viel zu spät“.

Natürlich muss bei unseren Schulen in IT-Infrastruktur investiert werden. Um aber die Kinder und Jugendlichen auf die Veränderungen in einer digitalen Gesellschaft vorzubereiten, sind Investitionen in Infrastruktur und Technik das kleinste Problem.

Spekulieren wir einmal, was als nächstes kommt:

Der Bundestag wird die Gesetzesänderungen auf den Weg bringen, und der Geldhahn wird geöffnet. Dann haben wir die Wahl zwischen zwei Varianten.

Variante 1: Man bildet Arbeitskreise, um die pädagogisch wertvollste Hardware herauszufinden. Es wird Seminare für die Lehrer geben (wie man richtig die passenden Anträge ausfüllt) und man wird weitere Arbeitskreise bilden, die sich um die Ausschreibung kümmern. Bei der Ausschreibung wird der billigste Anbieter genommen um dann, wenn die Rechner ausgeliefert werden, festzustellen: a) die ganze Sache wird 200 % teurer, b) die ausgelieferte Hardware ist bereits veraltet, weil der gesamte Prozess über zwei Jahre gedauert hat. Sind die Rechner dann endlich da, fällt in irgendeiner Schulkonferenz auf, dass die Lehrpläne nicht abgestimmt sind.

Variante 2: Auf verschiedenen Ministerebenen werden mehrere Arbeitskreise gebildet mit dem Ziel, zunächst ein didaktisches bzw. pädagogisches Konzept zu entwickeln. Da jedes Bundesland davon überzeugt ist, dass das eigene Konzept das absolut beste überhaupt ist, zieht sich der Entscheidungsprozess über viele Monate hin. Verschiedene politische Ansichten, je nachdem welche Partei in welchem Bundesland führend ist, machen es nicht einfacher. Hat man sich endlich geeinigt, steigt man in den Ausschreibungsprozess ein. Das mit der Preisexplosion und dem Alter der Geräte hatten wir schon.

Hat man die Geräte angeschafft, geht es ja weiter: Die Räume müssen gesichert werden, sonst sind nach kurzer Zeit die Hälfte der Geräte weg. Das kostet weitere Investitionen in Gebäude und Sicherheitspersonal. Mir fehlt die Phantasie, dass man zwar jahrelang mit defekten Toiletten lebt, aber defekte Hardware unverzüglich repariert. Es wird nicht lange dauern, dann werden die ersten Computerräume geschlossen oder mehrere Schülerinnen und Schüler müssen sich einen Rechner teilen, weil der Rest defekt ist. Dass Kinder und Jugendliche aus finanziell gesunden Familien sich solche Hardware auch leisten können, um damit Hausaufgaben zu machen, ist klar. Es soll aber auch Familien und Alleinerziehende geben, die sich solche Investitionen nicht leisten können. Die „müssen dann leider draußen bleiben“ oder wie stellt man sich da vor?

Interessant ist übrigens eine Info von Spiegel-ONLINE vom 06.10.2018: „86 Prozent der Deutschen wünschen sich ein gesetzliches Handyverbot an Schulen nach französischem Vorbild. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar Public für den SPIEGEL.“ Da macht der WLAN-Ausbau ja richtig Sinn. Dann können die Schüler während des Unterrichts noch besser daddeln und whatsappen.

Jetzt vom Destruktiven zum Konstruktiven:

  • Die Investitionen in die IT-Hardware und IT-Infrastruktur ist überfällig. Wenn man die Kabel zieht und die Wände aufstemmt, könnte man auch den einen oder anderen abgefallenen Putz erneuern und die Toiletten reparieren.
  • Den Jugendlichen muss man nicht die HANDHABUNG der Geräte beibringen, da sind sie weiter als 99 % des Lehrkörpers. Sie müssen den verantwortungsvollen UMGANG mit den Geräten lernen.
  • Es müssen dringend weitere Lehrer her, die Spaß an der neuen Technik und an der Digitalisierung haben. Untersuchungen zeigen, dass es oft die Lehrer sind, die aus Bequemlichkeitsgründen an den alten Methoden festhalten.
  • Ziel der Digitalisierung kann nicht sein, dass Schüler, Lehrer und Eltern nur noch per WhatsApp kommunizieren. Wir brauchen wieder eine Kommunikations-KULTUR. Nachdem „Schreiben nach Gehör“ weitestgehend verschwunden ist, sollten wir jetzt nicht mit „Schreiben nach WhatsApp-Abkürzungen“ beginnen.
  • Wir brauchen Partnerschaften mit IT-Unternehmen jeglicher Größe, damit die jungen Menschen die Chance haben, dort Praktika durchzuführen oder anderweitig zu hospitieren. Aufgabe der Lehrer muss es sein, den jungen Menschen „Lust auf IT“ zu machen und sie für die anstehenden Aufgaben zu begeistern.

Wir unterhalten uns mal wieder in 3 Jahren darüber, was aus dem „Digitalpakt“ geworden ist.

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